Das Buch Abraham - Eine Übersetzung aus dem Ägyptischen?
Abraham in alten  ägyptischen Texten?
Ägyptologe dementiert Aussagen von Apologet John Gee

Nachdem die Joseph-Smith-Papyri 1966 wieder entdeckt wurden und sich herausgestellt hatte, dass es sich um ägyptische Totentexte handelt, kam die Zeit der mormonischen Apologeten. Darunter bekannte Namen wie, Hugh Nibley, Michael D. Rhodes und John Gee.
John Gee erweckte unter den Mitgliedern durch zwei Artikel große Aufmerksamkeit, in denen er behauptet, dass es Hinweise auf Abraham in den gefundenen Papyri gäbe.

Der Erste erschien 1991 bei FARMS mit dem Titel: 'References to Abraham Found in Two Egyptian Texts'. Der Zweite war eine offizielle Publikation der Kirche im Ensign (July 1992, 60-62), der auch heute noch als „Beweis“ unter den Mitgliedern kursiert. Dieser trägt den Titel: 'Abraham in Ancient Egyptian Texts' (Abraham in alten Ägyptischen Texten).
Es ist interessant festzustellen, dass Gee, als er den zweiten Artikel herausbrachte, eine Reihe seiner Argumente bedeutend verändert hatte.

In 'References to Abraham Found in Two Egyptian Texts', behauptet Gee, dass seine Entdeckungen neue Beweise liefern würden. Er bezieht sich dabei auf magische Papyri, die er als Beweis anführt, verschweigt allerdings seinen Lesern diesen Sachverhalt. Der Text, auf den er sich bezieht, soll die gleiche Datierung haben, wie die Joseph-Smith-Papyri. Er stellt weiter heraus, dass es verfrüht sei zu sagen, dass Joseph Smith der erste gewesen sein soll, der eine Verbindung zwischen einer Löwencouch-Vignette, einem Hypocephalus (Kopftafel, Amulett -> Faksimile 2) und dem Buch Abraham erkannt haben wollte, denn das Beweismaterial, auf welches er sich bezieht, würde ausdrücklich Abraham erwähnen und diesen in Verbindung mit den Faksimiles bringen. Er behauptet mit seinen Quellen nachweisen zu können, dass es tatsächlich Abraham sei, der auf der Löwencouch liegt. Er identifiziert den Namen Abraham in - wie sich herausstellte - einem griechisch magischen Spruch unterhalb einer Vignette (Pap. Leiden I 384vo.), die der von Faksimile 1 ähnlich sieht und schlussfolgert mit Hilfe weiterer griechisch magischer Sprüche in folgenden Spalten der Quelle, dass es sich hierbei um die Opferung Abrahams handeln muss.

In 'Abraham in Ancient Egyptian Texts', führt Gee zwei magische Sprüche aus dem ersten Artikel und vier weitere als Beweis an. Die beiden Ersten stammen aus Pap. Leiden 384vo. 1 und Magical 8, ein Dritter aus Pap. Leiden 384vo. 2* = PDM 12.6-20 und die Übrigen aus PGM 12. 260-321; PGM 36.295-311; und PGM 5.459-89.
Der erste Spruch, auf den Gee sich bezieht, wurde gemacht, um einen eisernen Ring magisch zu bevollmächtigen, der für den Bittsuchenden „Lobe hervorrufen“ soll (PDM 12.6-20).
Als Teil des Prozedere musste der Magier einen weißen Stein in Traubenform nehmen und diesem Kraft geben, indem er einige mächtige Zauberworte darauf schrieb. Eines davon war ABRACAM. Für Gee bezog sich ABRACAM auf den Patriarchen Abraham und der weiße Stein musste ein Seherstein sein. Gee führte dazu drei Schriftstellen an: Rev 2:17, LuB 130:10-11, Abr. 3:1.

Insgesamt stützt Gee seine Behauptungen also auf sechs magische Sprüche.

Der Ägyptologe Edward H. Ashment (selbst Mormone und früherer Koordinator für Übersetzungsdienste der HLT-Kirche), hat sich mit Gees Behauptungen - und vor allem mit seiner Beweisführung - in dem Artikel The Use Of Egyptian Magical Papyri to Authenticate the Book of Abraham, sehr ausführlich auseinandergesetzt und aufgezeigt, dass Gees Theorien nichts mit ägyptologischer Wissenschaft oder Geschichte zu tun haben, sondern schlichtweg falsch sind.

Er begründet dies wie folgt:

“Als Resultat - Gees Aussage, dass Pap. Leiden I 384 und das magische Papyri von London und Leiden ausdrücklich Abraham erwähnen, ist irreführend und es ist auch thematisch unmöglich, 'ihn mit Abbildungen ähnlich derer wie Faksimile 1 und 2 des Buches Abraham in Verbindung zu bringen’.

Als Resultat - Schlussfolgerungen, die Gee als 'verfrüht’ definiert (FARMS 1991, 3), müssen weiterhin als gültig betrachtet werde:

1. Es gibt keine bekannten ägyptischen Dokumente, die Bezug auf den Text vom Buch Abraham nehmen, und desgleichen ist es unwahrscheinlich, dass welche gefunden werden.

2. Die einzige Verbindung zwischen dem Hypocephalus und dem Text des Buches Abraham ist der, den Joseph Smith herstellte.“

„John Gee erklärt zwar, der Glaube sei der 'wahre Beweis für heilige Schrift’, aber paradoxerweise unternimmt er in seinen Artikeln große Anstrengungen, um mit Hilfe von Zaubersprüchen, aus dem Ägypten der christlichen Ära, nachzuweisen, dass das Buch Abraham wirklich historisch ist.

Leider ist keine der sechs 'Beweisquellen’, die er präsentiert, historisch stichhaltig. Das weist Gee selbst sehr eindrucksvoll nach, als er die außergewöhnliche Behauptung, die er in seinem ersten Artikel macht aufgibt. Diese besagt, dass er tatsächlich eine Quelle hat, die offensichtlich Abraham zeigt, der auf einem Altar in Form einer Löwencouch liegt und Gott anruft, wovon er kühn behauptet, sie ließe sich sehr gut mit der Angabe von Joseph Smith vergleichen, dass Faksimile 1 aus dem Buch Abraham, 'Abraham, auf einem Altar festgebunden’ darstelle, wo er von Götzenpriestern geopfert werden soll. 

Nachdem die Überprüfung seines ersten Beweisstücks ergab, dass die Beweise deutlich ergeben, dass es sich bei der Person auf der Löwencouch um eine Frau handelt, die unter einem Liebes-Zauberspruch steht, geht Gee von seiner erstaunlichen Behauptung ab und räumt in seinem zweiten Artikel ein, dass die Person auf der Löwencouch eine Frau ist und dass sie unter einem Liebes-Zauberspruch steht. Allerdings behauptet er jetzt, sie solle (auf der Löwencouch) geopfert werden, falls sie sich ihrem Freier nicht hingebe, 'und das entsprechend einer alten ägyptischen Formel’.

Der Zauberspruch ist kein 'Beweis’ mehr dafür, dass hier Abraham auf dem Altar liegt. Jetzt ist er ein 'Beweis’ dafür, dass drei Jungfrauen auf dem Altar liegen. Weniger dramatisch aber genauso bedeutungsvoll ist es, dass Gee, wie aus Untersuchungen hervorgeht, die Daten und die Quellen falsch zitiert und falsch gedeutet hat, um seine Authentizitätsbeweise zu entwickeln.

Gees Artikel zeigen anschaulich die beiden Vorgehensweisen auf, die die mormonische Apologetenschule benutzt, um mit dem Hauptproblem, vor dem sie steht, umzugehen. Nämlich, dass der Überfülle an verkündeten Wahrheiten, die in der Geschichte verwurzelt sein sollen, nur sehr dürftige Beweise gegenüber stehen.

Die erste Herangehensweise, die andernorts verwendet wird, leugnet konträre Beweisstücke mit philosophischen Argumenten. Sie nimmt einfach relativierend an, Beweise, die dem Glauben nicht förderlich sind, existierten nur im Kopf des 'objektivistischen’ Historikers, der ja nach einem verborgenen Handlungsplan vorgeht, dabei aber so tut, als gehe er empirisch vor. Andererseits nimmt sie objektivistisch an, der Apologet habe die sichere 'objektive Erkenntnis’ von der verkündeten Wahrheit, was dazu führt, dass er mit Beweisen nach eigenem Ermessen verfährt.

Die zweite Herangehensweise, die implizite Methode von Gees Artikeln, ist mit dem logischen Trugschluss verbunden, 'das zu bestätigen, was folgt’. Gee nimmt als bestätigt an, dass es sich beim Buch Abraham aus dem 19. Jahrhundert um ein historisch bewiesenes Dokument handelt, und erkennt, davon ausgehend, 'Beweise’ bezüglich der Geschichtlichkeit des Buches entweder an, oder er ignoriert sie einfach. Mit anderen Worten: das Buch Abraham stellt somit eine 'Uroffenbarung’ dar, für die es Beweise gibt, die hier und da in den verschiedensten Quellen erhalten geblieben sind. Etwas wird dann als 'Beweis’ bejubelt, wenn es das Dokument bestätigt, andernfalls hingegen ignoriert.

Deshalb informiert Gee seine Leser in seinem ersten Artikel nicht über die magische Natur der Papyri. Deshalb weicht er der Tatsache aus, dass das Auftreten des Namens Abraham in den Zaubersprüchen nicht mehr Bedeutung hat, als mächtige Abrakadabra-Worte.

Deshalb wird ein weißer Stein mit mehreren Zauberworten darauf für Gee zum Seherstein wie in LuB 130:10,11. Deshalb deutet er die Vignette mit der Löwencouch und den dazu gehörigen Zaubersprüchen in seinem ersten Artikel als übereinstimmend mit Joseph Smiths Deutung von Faksimile 1 bzw. in seinem zweiten Artikel mit Abraham 1:11,12.  Deshalb stellt er willkürlich zwischen eine Verbindung her zwischen Zauberspruch 8.8 und Kapitel 163 im Buch der Toten und Kapitel 162 im Buch der Toten und der Kopftafel und Abraham und Joseph Smiths Deutung von Faksimile 2. Deshalb lässt er wesentliche Teile des Originaltexts in den beiden letzten magischen Texten, die er zitiert, aus, um sie zu stichhaltigen Beweisen für das Buch Abraham umzufunktionieren.

Mehr als alles andere deuten die Artikel darauf hin, dass Gees wissenschaftliche Sichtweise, von seinem Bestreben 'glaubensstärkende' Beweise hervorzubringen, verdeckt ist. Leser solcher Verteidigungsartikel müssen konsequenterweise äußerst vorsichtig sein, solche 'glaubensstärkenden' Behauptungen zu akzeptieren. Wie die oben angeführte Prüfung zeigt, können Verteidigungsartikel 'glaubhafte Geschichte' vermitteln, die von einem nichts ahnenden Publikum historisch nicht streng hinterfragt wird. Leider verliert dabei jeder: Rechtfertiger werden von ihren Kollegen in der akademischen Welt nicht ernst genommen; Kirchenmitglieder werden falsch informiert; und Peinlichkeit wird letztendlich auf die Kirche zurückkommen, da sie doch voll Stolz verkündet, sie halte sich an die ehrenwerten Behauptungen ihres 13. Glaubensartikels.“

Ashments wissenschaftlich korrekte Sichtweise deckt sich mit der anderer Ägyptologen, die die Papyri untersucht haben. Darunter Dr. Ritner, der im Jahre 2001 die gesamten Papyri übersetzt hat.

Dieses Dokument ist in Wirklichkeit ein ausgedehntes Gebet für einen ägyptischen Priester, welches mit einer Anrufung beginnt, zum Gott der Mumifizierung wahrscheinlich. Ganz sicher mit einem Bild des Gottes der Mumifizierung, um seine weiterführende Existenz sicherzustellen, um des Priesters weiterführende Existenz in der nächsten Welt sicherzustellen. Und dann fährt es mit einigen Aussagen fort: 'Oh, göttlich verehrter Horus, mögest du gehen, wie du es in diesem Leben getan hast, mögen deine Ohren hören, mögen deine Augen sehen, mögen die Götter dich empfangen.' Lange Serien von Anrufungen zu diesem Thema. Um wesentlich sicherzustellen, dass der tote Priester im Tot in der Lage sei, so zu sein, wie im Leben aber nun als Teil einer Gesellschaft von alten ägyptischen Göttern. Abraham wird nicht ein einziges Mal erwähnt. (The lost Book of Abraham)

Sehr viele Mitglieder der Mormonen berufen sich auf die 'glaubensstärkenden' Artikel von John Gee, ohne deren Inhalt wirklich überprüft oder verglichen zu haben. Es ist bedenklich zu sehen, wie FARMS Apologeten die Wissenschaft dazu benutzen - oder vielmehr missbrauchen - um das Weltbild der Kirche zu verteidigen und ihre Anhänger in Sicherheit zu wiegen. Eine Sicherheit, die nicht mehr ist, als ein Sprungtuch.